gleichmütig garteln und leben

In meinem Inneren Garten:
Die Räumung des besetzten Heidehofs (1982)

Zerschlagene Träume (1982)

  • Das Bild habe ich kurz nach der Räumung auf einem Seminar gemalt. Es waren auch ein paar andere da, die die Zerstörung erlebt hatten, was die Untröstlichkeit ein wenig erträglicher gemacht hat.
  • Nach der Heidehofräumung gab es Gedanken, Kontakt zu den Revolutionären Zellen aufzunehmen, Gewalt mit Gewalt zu vergelten. Vergessen war, dass ich wenige Wochen zuvor auf der großen Friedensdemo im Bonner Hofgarten vom Gefühl getragen war, nicht allein zu sein mit meinen Lebensträumen.
    Letztendlich wurden es zum Glück nicht die Revolutionären Zellen, sondern die New-Age-Bewegung, die mir einige Jahre sinnstiftendes Zuhause war. 

Es geht unerwartet weiter (2022)

  • 40 Jahre später haben die Anklebe-Aktionen und die drohende Räumung in Lützerath meine Erinnerungen an die Heidehof-Räumung wieder sehr lebendig werden lassen. "Zu lebendig" für meine Verfasstheit in 2022. Im Verlauf eines EMDR (Therapieverfahren bei traumatischen Erfahrungen) ist für mich ein Polizist in den Mittelpunkt gerückt, der für die 20-Jährige sicherlich einfach nur ein „blöder Bulle“ war…
  • Dieser Polizist hat – als ich von zwei anderen Polizisten aus dem Heidehof geschleift wurde – meine Füße hochgenommen.  Wie wichtig dieses Getragen-Werden für mich war, wie wichtig, dass es in diesem Moment grenzenloser Ohnmacht und Verzweiflung auch Gesehen-Werden und Mitgefühl gab, hat nun auch tiefe Wurzeln in mir. Darüber bin ich sehr froh und dir sehr dankbar, unbekannter Polizist!

Wege aus der Unverzeihlichkeit (2024)

  • Wann immer Ignoranz und/oder Gier zu Leid und Zerstörung führt (Raubbau, aggressive Reaktionen auf Umweltaktivist:innen, Unterdrückung, Krieg, Tierunwohl, Verschwörungsideen… die Liste ist lang) taucht die 20-Jährige auf in mir. Dann drängen sich Trauer, Wut, Verzweiflung und Ohnmacht auf die innere Bühne. Betreten dürfen sie sie, aber nicht Mitgefühl und Weiterblick überrennen und die Handlung bestimmen.
  • Im Stern-Artikel zur Heidehofräumung ging es in einigen Passagen um den IG-Metaller Fischer. Er gehörte zu den Wortführern und Entscheidern. Ich hatte ihn völlig vergessen. Im Artikel wird unter anderem beschrieben, wie er nach der Räumung mit den Worten „Mit unserem Eigentum können wir noch immer machen, was wir wollen“ einen Stapel Teller auf die Erde fallen lässt. Machtgehabe, Aggression, Ignoranz, Dummheit…  Waren wir „auf der anderen Seite“  frei davon? Manche ja, manche nicht.
Quelle: mao-projekt.de (Foto ist damit verlinkt)
  • Für die 20-Jährige war die Drohung an der Wand absolut angemessen und passend zu „macht kaputt, was euch kaputt macht“ (Ton Steine Scherben). Die 62-Jährige findet Drohung und Liedtext nachvollziehbar, brutal und menschenverachtend, fragt sich, wie Fischer wohl heute auf die Heidehofzeit schaut. Im Netz lese ich, dass er nicht mehr lebt. Er hat sich 1987, mit 60 Jahren, vor einen Güterzug geworfen. Ich finde das traurig. Für ihn, für seine Familie und Freund:innen. Und traurig, weil es mich darauf stößt, wie schnell ich vergessen kann, dass da immer auch ein Mensch ist „auf der anderen Seite“.  
    Es ist traurig und es ist tragisch, wie schnell wir unterschiedliche Interessensschwerpunkte als feindliche Lager manifestieren und nicht in der Lage sind, uns auf Augenhöhe, von Mensch zu Mensch als fühlende Wesen zu begegnen.
  • Ich möchte wohlwollend sein. Möchte offen für Begegnung und Bewegung bleiben, Schubladen für Einzelne und Gruppen geöffnet halten (zumindest einen kleinenSpalt breit ;-)).
See page for author, creativecommons.org,
via Wikimedia Commons (Bild verlinkt!)
  • Ein gutes Übungsfeld in vielerlei Hinsicht ist für mich die Kleingartenanlage. Wenn ich dort z.B. leergekratzte Beete sehe und in Reih und Glied Hineingepflanztes, wird die 20-Jährige in mir sofort sehr laut. Ich bitte sie dann mit Torte vor den Teich und höre, was mir über die Zäune hinweg erzählt wird - von Urlauben, OPs, Enkelkindern…  Dabei  verwandeln sich „umweltzerstörende  Strebergärtner:innen“ in Menschen, ich erlebe, dass auch sie nichts anderes wollen als glücklich sein. Das macht die aufgekratzten Böden nicht weniger tragisch, ich empfinde sie aber nicht mehr als persönlichen Angriff, der mich zum Verteidigen und Aufrüsten zwingt. Über den Zaun hinweg sind wir in Kontakt.

    Und weil die 20-Jährige ja echt penetrant ist, kennen inzwischen einige den Unterschied zwischen einem verwilderten und einem wilden Garten. Mehrere kleine lichte Stellen also, finde ich, Fleckchen in dem wunderschönen, großen Bild, das wir alle gemeinsam malen, den Garten, in dem wir alle ein Weilchen zu Besuch sind: Leben. Ich zähle auf euch!